Mein Herz ward fähig jeder Form
Inhaltsverzeichnis
Das Gedicht
Mein Herz ward fähig jeder Form: Weide ist es den Gazellen und Kloster den Mönchen,
Tempel den Götzenbildern und Kaaba dem Pilger, Tafeln der Thora und Buch des Koran.
Ich folge der Religion der Liebe, wohin auch ihre Kamele sich wenden. Die Liebe ist mein Bekenntnis und mein Glaube.
Muhyiddin Ibn Arabi, Tarjuman al-Ashwaq (Der Dolmetsch der Sehnsüchte), Gedicht XI Nach der Übersetzung von Annemarie Schimmel
Kontext
Der Tarjuman al-Ashwaq (“Dolmetsch der Sehnsüchte”) ist eine Sammlung von Liebesgedichten, die Ibn Arabi (1165-1240) in Mekka verfasste, inspiriert von seiner Begegnung mit Nizam, der gelehrten Tochter eines persischen Scheichs. Die Gedichte verbinden die Sprache der irdischen Liebe mit der Erfahrung göttlicher Erkenntnis.
Als Kritiker die Gedichte als profane Liebeslyrik abtaten, verfasste Ibn Arabi einen eigenen Kommentar (Dhakhair al-A’laq), in dem er Vers für Vers die geistliche Bedeutung erläuterte. Dieses Vorgehen zeigt, dass die Doppelschichtigkeit beabsichtigt ist: Die Sprache der menschlichen Liebe wird zum Vehikel für Einsichten, die sich der begrifflichen Sprache entziehen.
Nicht Relativismus, sondern die Weite des Herzens
Dieses Gedicht wird in der modernen Rezeption ebenso häufig missverstanden wie Rumis “Komm, komm”. Es wird als Ausdruck religiöser Gleichgültigkeit gelesen, als Behauptung, alle Religionen seien austauschbar. Ibn Arabi meint etwas anderes.
Das Herz (Qalb) ist im sufischen Verständnis das Organ der geistigen Wahrnehmung. Sein Name kommt von der arabischen Wurzel q-l-b (sich wenden, sich wandeln). Das Herz, das “fähig jeder Form” geworden ist, ist nicht ein Herz, das keine Unterscheidungen mehr kennt. Es ist ein Herz, das so weit geworden ist, dass es das Göttliche in jeder Manifestation erkennen kann, ohne die Manifestation mit dem Göttlichen zu verwechseln.
Liebe als Erkenntnis
“Ich folge der Religion der Liebe” ist keine Absage an die Scharia. Ibn Arabi war ein Gelehrter des islamischen Rechts, der die rituelle Praxis bis zu seinem Tod gewissenhaft einhielt. Was er beschreibt, ist eine Erkenntnishaltung: Die Liebe (Mahabba) ist die höchste Form des Wissens, weil sie den Erkennenden über die Grenzen des bloßen Verstandes hinausführt.
In seinem Hauptwerk Fusus al-Hikam (“Siegelsteine der Weisheit”) erläutert Ibn Arabi, dass jeder Prophet einen bestimmten Aspekt der göttlichen Weisheit verkörpert. Das Herz, das “fähig jeder Form” geworden ist, kann diese verschiedenen Manifestationen der einen Wahrheit erkennen, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Die Vielfalt der Formen verweist auf den Reichtum der einen göttlichen Quelle.
Die Kaaba und der Tempel
Die Aufzählung verschiedener Kultstätten (Weide, Kloster, Tempel, Kaaba) ist keine Gleichsetzung. Sie beschreibt die Fähigkeit des gereinigten Herzens, die Spuren des Göttlichen überall zu erkennen. Dies steht im Einklang mit der koranischen Aussage: “Wohin ihr euch auch wendet, dort ist das Antlitz Gottes” (2:115). Die Spuren sind überall, doch die vollkommenste Offenbarung, so Ibn Arabis eigene Position, findet sich im Koran und in der prophetischen Überlieferung.
Die Weite des Herzens ist kein Mangel an Unterscheidungsvermögen. Sie ist dessen Vollendung. Das Herz, das in Wahdat al-Wudschud (der Einheit des Seins) verankert ist, sieht die göttliche Einheit nicht trotz der Vielfalt, sondern in und durch sie.
Quellen
- Ibn Arabi, Tarjuman al-Ashwaq (ca. 1215)
- Ibn Arabi, Futuhat al-Makkiyya (ca. 1231)
- Ibn Arabi, Fusus al-Hikam (ca. 1229)
- Claude Addas, Ibn Arabi ou la quête du Soufre Rouge (1989)
- Henry Corbin, L’imagination créatrice dans le soufisme d’Ibn Arabi (1958)
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Zitieren als
Raşit Akgül. “Mein Herz ward fähig jeder Form.” sufiphilosophy.org, 31. März 2026 . https://sufiphilosophy.org/de/gedichte/mein-herz-ward-faehig